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Wissenschaftler-Schelte für EU-Kommission: Ökobilanz-Experte deklassiert Kritik an Biokraftstoffen

Berlin,

Berechnungen zu indirekten Landnutzungsänderungen vergleichbar mit Blick in die Kristallkugel / iLUC als Gesetzesgrundlage unhaltbar

„Die Berechnungen, auf denen die derzeitige Kritik an Biokraftstoffen basiert, sind nicht faktengestützt und sollten nicht als Basis für die europäische Gesetzgebung dienen“, sagte Prof. Dr. Matthias Finkbeiner von der Technischen Universität Berlin. Er hat als erster Ökobilanzexperte die von der EU-Kommission gegen Biokraftstoffe ins Feld geführten sogenannten indirekten Landnutzungsänderungen (iLUC) wissenschaftlich untersucht.

Eine Berufung auf solche Modellrechnungen ist nach den Ergebnissen der heute in Berlin vorgestellten Studie „Indirekte Landnutzungsänderungen in Ökobilanzen – wissenschaftliche Belastbarkeit und Übereinstimmung mit internationalen Standards“ aus wissenschaftlich-methodischer Sicht nicht zulässig. Finkbeiner ist Leiter des ISO-Ausschusses zu Ökobilanzen (Internationale Organisation für Normung).

Der Ökobilanz-Spezialist machte deutlich, dass sich die Politik auf Methoden beruft, die sich vor allem durch Willkür und „gewaltige Unsicherheiten“ auszeichnen. So schwanken die berechneten iLUC-Werte für Biokraftstoffe immens und sind davon abhängig, welche Annahmen getroffen werden. Diese können jedoch nicht in der Realität überprüft werden. Ein und derselbe Biokraftstoff weist in der Welt von iLUC deshalb größere Differenzen in der Ökobilanz auf als die Werte einer Erbse im Vergleich zu denen eines Rindersteaks.

Unlogisch ist für den Experten auch, warum laut EU-Kommission ausschließlich Biokraftstoffe für eine iLUC-Bilanz herangezogen werden sollen. „iLUC für alle oder für keinen muss die Devise lauten“, sagte Finkbeiner, da auch beim Häuserbau oder dem Anlegen eines Golfplatzes indirekte Effekte die Folgen wären. Vor allem aber bewegt sich die noch in den Kinderschuhen steckende iLUC-Berechnung ausschließlich in der Dimension einer Hypothese. „Indirekte Landnutzungsänderungen lassen sich weder beobachten noch messen. Da kann man auch in die Kristallkugel schauen“, sagte  Finkbeiner, der dafür wirbt, stattdessen erprobte Methoden der Ökobilanzierung zu nutzen.

Die EU-Kommission wird mit einer Neuauflage der Erneuerbaren-Energien-Richtlinie über das Schicksal von konventionellen Biokraftstoffen entscheiden. Der Vorschlag der Kommission sieht unter anderem vor, heimische Agrarrohstoffe wie zum Beispiel europäischen Raps, durch die Anrechnung eines iLUC-Malus für Regenwaldrodungen in Mithaftung zu nehmen. Entscheidet sich Brüssel dafür, ist buchhalterisch die CO2-Bilanz für Rapsöl zu schlecht, um nach 2017 als Biokraftstoff in der EU eingesetzt werden zu können. Die iLUC-Theorie unterstellt, dass ein Hektar Rohstoffanbau für Biokraftstoffe zwangsläufig global zur Verschiebung von einem Hektar Nahrungsmittelproduktion, Regenwaldrodung und folglich zusätzlichen Treibhausgasemissionen führt.

Detlef Evers, Präsident des Verbands der Deutschen Biokraftstoffindustrie und Wilhelm F. Thywissen, Präsident von OVID Verband der ölsaatenverarbeitenden Industrie, sehen die Studie als Bestätigung ihrer eigenen Kritik an der geplanten politischen Kehrtwende. „Die EU will ein Gesetz, das einen nachhaltig arbeitenden Wirtschaftszweig real in den Ruin treibt, auf Methoden stützen, die von der Wissenschaft als irreal belächelt werden. Das ist für uns als betroffene Industrie nicht hinnehmbar“, so OVID-Präsident Wilhelm F. Thywissen in Berlin. 67 Prozent des deutschen Rapsöls werden zu Biodiesel verarbeitet. Ohne die Nachfrage nach Biokraftstoffen würden die europäischen Ölmühlen ihren wichtigsten Absatzmarkt verlieren.  

Beide Verbände sind sich einig, dass die angestrebte EU-Politik zwar den europäischen Rapsanbau ins Abseits befördert, aber keinen einzigen Baum im Regenwald rettet. Hintergrund: Nur fünf bis acht Prozent des weltweiten Palmöls werden für Biokraftstoffe verwendet.

„Wir lehnen iLUC-Faktoren als CO2-Malus aus gutem Grund in jeglicher Form ab, denn sie sind wissenschaftlich unseriös. Der EU-Kommission fehlt der Mut, wirksame Maßnahmen gegen Rodungen in den allseits bekannten Problemländern zu ergreifen“, betonte Evers.

Um Regenwaldrodungen zu stoppen, muss laut OVID und VDB Sorge dafür getragen werden, dass vorhandene Gesetze in den Ursprungsländern stringent umgesetzt und Verstöße sanktioniert werden. Auch nachhaltige Produktivitätsfortschritte, die das Potenzial der vorhandenen Ackerfläche besser ausnutzen sind sinnvoller als die Abstrafung der weit entfernten europäischen Biodieselindustrie, die ohnmächtig zum Rechenexempel der EU-Kommission degradiert wird. Die beste Prophylaxe gegen Landnutzungsänderungen sind übrigens grundsätzlich nachhaltige Produktivitätssteigerungen.

Nach der iLUC-Theorie wird bereits bestehendes Ackerland für Biokraftstoffe genutzt; um gleichzeitig die bisherige Nachfrage zu bedienen, muss demnach die landwirtschaftliche Fläche weltweit ausgeweitet werden. Die dabei entstehenden Treibhausgasemissionen sollen den Biokraftstoffen als Malus angerechnet werden. In Mecklenburg-Vorpommern angebauter Raps würde dadurch für Regenwaldrodungen in Indonesien in Mithaftung genommen.

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